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Der Festivalauftakt spülte die Ohren durch

Schaffhauser Nachrichten, 22.05.2008 von Alfred Wüger

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Das Eröffnungskonzert mit dem London Jazz Composers Orchestra featuring Irène Schweizer im Stadttheater war von fulminanter Wildheit.

Nichts Neues unter der Sonne, sagt man, und doch hat es das noch nie gegeben in Schaffhausen: dass das London Jazz Composers Orchestra im Stadttheater ein Jazzfestival eröffnete, und das erst noch mit einer Uraufführung. Der im benachbarten Stammheim wohnhafte britische Bassist Barry Guy hat nach 1991 zum zweitenmal eine Komposition für die Schaffhauser Pianistin Irène Schweizer geschrieben. Sie heisst «Radio Rondo».

Bevor sie jedoch erklang, begrüsste Festival-Co-Organisator Urs Röllin das Publikum und dankte namentlich dem städtischen Kulturverantwortlichen Rolf C. Müller für das Gastrecht im Stadttheater sowie der Credit Suisse als Hauptsponsor und dem Kanton und der Stadt. Danach betonte Regierungsrätin Rosmarie Widmer Gysel, die gemeinsam mit Stadtrat Thomas Feurer die Bühne betrat, die besondere Festlichkeit der diesjährigen Festivaleröffnung und sagte: «Schaffhausen beweist, dass anspruchsvolle Kost nicht nur in den grossen Zentren Platz hat.»
Irène Schweizer eröffnete den Superabend mit einem Soloauftritt, der ein Set war aus einem Guss, geprägt von Lyrik, Rasanz und zupackender Dynamik, die das Haus zu einem Begeisterungssturm hinriss. Und dann krachte es.

Kakophonisches Fortissimo

Mit einem markerschütternden, kakophonischen Tutti-Fortissimo legte das Komponistenorchester los. Es war ein Auftakt, wie man ihn schärfer kaum denken konnte - genau das Richtige für die 19. Auflage des Schaffhauser Jazzfestivals. Bei der Lautstärke blieb es natürlich nicht: Sanfteste Lyrik, insbesondere durch den Violinisten Phil Wachsmann, wob ein feines Netz. Die stringente Komplexität der Musik schlug einen sofort in ihren Bann. Immer wieder verlagerte sich das Geschehen von der einen Bühnenseite auf die andere, von der Percussionsseite mit Paul Lytton und Lucas Niggli und dem Bassisten Barre Philips hinüber zu den Bläsern. Ganz hervorragend bei «Radio Rondo» Mats Gustafsson.
Was macht diese Art von Musik - Publikumsstimmen während der Pause sprachen von «Fliegerangriff» und «Krieg» - aus? Nun, weniger martialisch ausgedrückt: Man wird als Zuhörer in einen Schaffensprozess hineingerissen, hat Anteil am Schöpferischen, am Werden - ständig entsteht die Musik neu, man gewinnt nicht den Eindruck von etwas Fertigem, es ist ein ständiges Geborenwerden von Tönen und Klängen. Was das London Jazz Orchestra hier und jetzt zur Welt bringt, ist ein atemstarkes Baby. Letztlich ist dieses Musizieren Ausdruck des ständig sich erneuernden Lebensprozesses. Sozusagen Bio-Sound. Und es ist dieser Impuls, der einen später ausserhalb des Konzertsaals nicht mehr loslassen wird. Die Lebenswirklichkeiten werden indes nicht abgebildet, sondern bilden sich selbst in der Wildheit, der Sanftheit, der Kühnheit des gemeinsam Musizierens ab. Barry Guy greift zwischendurch auch selber in die Saiten seines Basses - dann weg damit und mit beiden Händen den nächsten Einsatz gegeben!

Melancholie und Melodie

Nach der Pause - es stellte sich heraus, dass das Gehörte niemanden kaltgelassen hatte, denn es bildeten sich sofort zwei Lager: hier die Begeisterten, dort die andern - wurde ein älteres Stück aus Barry Guys Feder aufgeführt: «Harmos», inzwischen ein Klassiker der modernen Orchestermusik. Ein Pianist hatte an Irène Schweizers statt am Flügel Platz genommen: Howard Riley. «Harmos» wurde 1987 als eines der ersten Stücke auf dem Züricher Intakt-Label von Patrik Landolt, der im Publikum sass, aufgenommen. Barry Guy widmete die diesjährige Schaffhauser Aufführung dem Posaunisten Paul Rutherford, der 1970 eines der Gründungsmitglieder des London Jazz Orchestra gewesen war und letztes Jahr verstorben ist. Die Posaunen spielten denn auch eine tragende Rolle, Conrad Bauer, Johannes Bauer und Alan Tomlinson solierten, was das Zeug hielt. Melodiestark setzen darauf die Saxophone ein. Es ist eine Melancholie in diesem Stück, die sich als roter Faden auch dann noch durch den Dschungel der Dissonanzen zieht, wenn Lärm und Expressivität üppig ins Kraut schiessen. Frage: Wo ist die Melodie? Antwort: Das ist sie. Frage: Wo ist der Wohlklang? Antwort: Genau hier.
Es ist den Organisatoren des Schaffhauser Jazzfestivals hoch anzurechnen, dass sie die grossen und insgesamt zwei Jahre dauernden Vorbereitungen nicht scheuten, die nötig waren, um dieses Ereignis hier stattfinden zu lassen - der Mut wurde belohnt. Urs Röllin dankte nicht zuletzt Maya Homburger, der Lebensgefährtin von Barry Guy, für das Buchen der vielen Flüge.

«Schaffhausen beweist, dass anspruchsvolle Kost nicht nur in den grossen Zentren Platz hat»
Rosmarie Widmer Gysel
Regierungsrätin

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